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Geschichte der Waldnutzung

VON WÄLDERN, TANNENBÄUMEN UND TURNVÄTERN
Titelbild

Eine kleine Reise durch die Geschichte der Waldnutzung und Naturvorstellungen
Titelbild: Monatsbild aus dem "Castello di Buonconsiglio" in Trento. (Quelle: Hansjörg Küster: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, München 1996, S. 134.)
blue
Wald
Fotos: F. Wagener
   Wald

Kurz nachdem das durchgefütterte und von natürlichen Feinden unbedrohte "Wild" verzehrt ist und der "Tannen"-Baum seine letzten Nadeln im gut geheizten Wohnzimmer verliert, möchten wir die nachklingende Weihnachts- und Milleniumsnostalgie dazu nutzen, uns in diesem Dossier mit einem ebenfalls sehr gefühlsbeladenen Thema zu beschäftigen: unserem Wald. Von dem römischen Dichter Tacitus als Furcht erregende Zufluchtsstätte germanischer Barbaren beschrieben und den Romantikern des 18. Jahrhunderts zum nationalen Identifikationssymbol überhöht, ist der Wald heute - anders als noch in den 1980er Jahren - auch für viele Umweltschützer zum Randthema des öffentlichen Diskurses geworden; zumindest, wenn es um den heimischen Wald geht.

Obwohl Begriffe wie "Waldsterben" und "saurer Regen" vor ungefähr zwanzig Jahren zum Umweltthema Nr. 1 avancierten und einen bisher nicht gekannten Boom umweltpolitischer Senisibilisierung der Gesellschaft auslösten, stehen heute meist andere Fragen im Mittelpunkt des Interesses. Die sogenannte "Fichtenproblematik" spielt aber für die BNVS weiterhin eine zentrale Rolle in ihren konkreten Naturschutzbemühungen. Die historischen Wurzeln dieses Problems sowie die mit der Fichtenaufforstung verbundene veränderte Wahrnehmung von Wald und Natur sollen hier ebenso dargestellt werden wie die Folgen, welche sich durch diese massive Landschaftsveränderung für Flora und Fauna ergeben haben.



2. O Tannenbaum, O Tannenbaum - wie "grün" sind deine Wurzeln?


Es ist schon ein spannendes Phänomen, dass eine Baumart, die es vor 200 Jahren in unseren Wäldern nicht gab, zum Symbol des Waldes überhaupt wurde. Die hohe emotionale Aufladung, welche die Fichte im Laufe der letzten Jahrhunderte erfahren hat, hängt wahrscheinlich nicht unwesentlich mit der Tatsache zusammen, dass sie zum schmückenden Symbol des größten christlichen Festes, des Weihnachtsfestes, wurde. Ursprünglich heidnischer Kult, ist der Baum als Schmuck des Weihnachtsfestes seit dem 16. Jahrhundert im katholischen Abendland nachweisbar. Im 17. Jh. breitet sich die Sitte durch Kauf- und Handelsleute in den europäischen Oberschichten aus, bevor er im 19.  Jh. seinen festen Platz in der deutschen Bürgerfamilie findet. 1

Waldarbeiter beim Holzsägen Gemälde des französischen Naturalisten Jean-François Millet (1914-1875) mit dem Titel "Waldarbeiter beim Holzsägen", um 1850-1852. (Quelle: Dario Durbé: Courbet und der französische Realismus, München 1974, Tafel 31.)

Der "Tannenbaum" wurde, ähnlich wie dies auch beim "Waldmenschen des Bürgertums" 2, dem Weihnachtsmann, zu beobachten ist, von religiösen und kulturellen Vorstellungen überlagert. Haben Sie sich noch nie gefragt, weshalb der Schlitten unseres Weihnachtsmannes mit Rentieren und Elchen bespannt ist? Beides Tiere, die in unserer Gegend recht selten vorkommen…In den USA, wo das Weihnachtsfest Anfang diesen Jahrhunderts zur konsumanspornenden Soap-Opera mutierte, kamen die Weihnachtsbäume aus den kanadischen Wäldern Nordamerikas. Diese wiederum sind mit derlei Tiergestalten wie Elchen und Rentieren bevölkert. Ein ähnliches Bild lässt sich auch in Europa zeichnen. Hier waren es die Engländer, die ihre Weihnachtsbäume samt ideologischem Getier aus den skandinavischen Wäldern importierten und so den "Traum von der weißen Weihnacht" verbreiteten. In den deutschsprachigen Ländern hat sich diese Elchromatik mit dem alpinen Hüttenzauber verbrüdert - Alpen und Erzgebirge sind zur postkartenprägenden Weihnachtslandschaft geworden. Anders als in den USA und England, wo die Herkunft der Weihnachtsbäume für dieses Phänomen verantwortlich gemacht werden kann, sind für Zentraleuropa die Herstellungsorte des Holzspielzeuges und der Krippenfiguren als Grund dafür anzusehen.



Nette Geschichte. Aber was hat das alles mit dem BNVS und dem Naturschutz zu tun?

Zum einen werden gerade in unserer Gegend zahlreiche Weideflächen, die für die intensive Landbewirtschaftung unrentabel geworden sind, mit Weihnachtsbaumkulturen bepflanzt. Während vor 40 Jahren noch sämtliche Weihnachtsbäume durch natürliches Aufforsten aus den Waldbeständen entnommen wurden, werden diese heute fast vollständig aus zu diesem Zweck angelegten Anpflanzungen gewonnen. Das Weihnachtsbaumgeschäft wurde vor allem in den Achtzigerjahren zu einem lukrativen Nebenverdienst. Mittlerweile sorgen Überangebot und Anpflanzungslizenzen für einen Rückgang des Geschäfts in unserer Gegend.

Zum anderen sollte der kleine kulturhistorische Einstieg in das Thema zeigen, wie sehr unsere landläufigen Vorstellungen von "Natur" und "Wald" von kulturellen Mustern geprägt sind. Die Kenntnisnahme der Umweltproblematik ist nicht nur eine Konsequenz technischen und ökologischen Wissens, sondern vor allem eine soziale Wahrnehmung. 3 Auch in der Umweltgeschichte lassen sich eindeutig "Modethemen" der öffentlichen Sensibilität ausmachen - das Waldsterben ist momentan "out"! Dass Waldsterben keine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist, sondern der menschliche Raubbau an der Natur den Wald in vergangenen Zeiten mehrfach massiv in seiner Existenzfähigkeit bedroht hat, soll im Folgenden historischen Rückblick kurz dargestellt werden. Denn so viel steht fest: Das Bild einer "guten alten Zeit" lässt sich für unsere Waldbestände sicher nicht aufrecht erhalten!



3. Ökosystem Wald - Voraussetzung und Opfer menschlicher Zivilisation


Die Bestandsgeschichte des Waldes ist zu allen Zeiten eng an die Bevölkerungsentwicklung gebunden gewesen. Etwas verkürzt könnte man diese schicksalhafte Beziehung auf den Nenner "Ging es dem Menschen gut, ging es dem Wald schlecht - und umgekehrt" bringen 4. Holz stellte bis ins 19. Jahrhundert hinein die Zentralressource dar, und Holzverfügbarkeit war somit Grundlage jeglichen wirtschaftlichen Wachstums. Es ist deshalb nicht übertrieben, den Roh- und Nährstofflieferanten sowie Hauptenergieträger Wald als die materielle Basis vorindustrieller mitteleuropäischer Gesellschaften zu bezeichnen 5. Neben der Beanspruchung des Holzes als Bau- und Brennstoff, war der Wald als "Nährwald" integraler Bestandteil der Agrarproduktion, also Fundament desjenigen Sektors, von dem der weitaus größte Teil der Menschen wirtschaftlich abhing.


Ausschnitt eines portugiesischen Atlanten
Dieser Ausschnitt eines portugiesischen Atlanten zeigt den nördlichen Teil Brasiliens, dessen unbekanntes Inneres fantasievoll illustriert wurde. Deutlich erkennbar sind aber die Spuren der Abholzung, die im Auftrag der Kolonialherrscher durchgeführt wurde. (Quelle: Portugiesischer Atlas von Miller, Bibliothèque Nationale, hier zit. aus: Fritz Werner (Hg.): Kulturgeschichte Europas, Köln 19o.J., S. 456.)

Die Schweine wurden zur Mast in die Eichen- und Buchenwälder getrieben, die Eichenrinde wurde zur Lohegewinnung gebraucht, Bäume zur Harzgewinnung angeritzt, Laub aufgerafft und zur Düngung auf die Felder getragen und Streumaterial für die Stallungen der Weidetiere gesammelt. Das sehr holzintensive Herstellen der Holzkohle durch Köhlerei verlangte zusätzlichen Holztribut. Der Wald war lebenswichtiger wie auch selbstverständlicher Selbstbedienungsladen 6. Doch wie das beim Ausverkauf meist der Fall - er ist a) nicht von Dauer und b) nicht unerschöpflich. Da helfen selbst die romantischsten Verklärungen eines Joseph Freihherr von Eichendorff nicht weiter, der wehmütig bekannte:

"Der Wald, der Wald!
Dass Gott ihn grün erhalt,
Gibt gut Quartier
Und nimmt doch nichts dafür." 7

"Und auch wenn des Dichters Lied verhältnismäßig wenig von ihnen zu singen weiß", so Hans Magnus Enzensberger, "gehörten Terpentin, Holzessig und Pottasche mindestens ebenso zur Realität des Waldes wie Schneewittchen und die sieben Zwerge". 8 Als im Europa des 9. bis 12. Jahrhunderts die Bevölkerungszahlen steil anstiegen, hatte dies radikale Konsequenzen für den Wald. Der schier unermessliche Waldbestand schwand durch Rodung rapide dahin, sodass im 14. Jahrhundert zwei Drittel des ursprünglich vorhandenen Waldes verschwunden waren.

Dieser Kampf zwischen Wald, Feld und Siedlung endete zwar im Großen und Ganzen gegen Ende des 15. Jahrhunderts, doch war dies eher ein Waffenstillstand als ein Sättigungsgleichgewicht. 9 Es waren die fürchterlichen Pestepidemien zwischen 1347 und 1383, die rund die Hälfte der europäischen Bevölkerung dahinrafften, und die zahllosen Kriege, die den Bevölkerungsdruck minderten und damit leichte "Erholungsphasen" für den Wald einleiteten.

Doch die Zerstörung des urwüchsigen Naturwaldes hatte langfristige Folgen für die Artenvielfalt der Waldbestände. So waren es meist die schnellwüchsigeren Nadelhölzer, die auf die devastierten Landstriche übergriffen, während diese vorher in den durch kronendichte Baumarten (wie Eiche und Buche) charakterisierten Hochwäldern keine Chance hatten. Schon vor dem nächsten folgenschweren Einschnitt in das Ökosystem Wald, der mit der massiven Mechanisierung eintrat, hatte sich die europäische Waldlandschaft somit grundlegend verändert.



4. Je wirtschaftlicher, desto ärmer!


Interessanterweise deckt sich das regionale Dominieren der Nadelhölzer in den vormals mit natürlichem Laubwald bestückten Arealen auffällig mit frühen Standorten der aufkeimenden Montanbetriebe. 10 Das stetig wachsende Bedürfnis nach Eisenprodukten ließ sowohl zahllose Erzbergwerke in die Böden wachsen als auch rationellere Verarbeitungspraktiken entstehen. Die Hämmerwerke, angetrieben durch Wasserräder, ließen den Holzkohlebedarf exponenziell ansteigen.

 Teppich von Bayeux
Dieser Ausschnitt aus dem "Teppich von Bayeux" (Ende 11. Jh.; der Teppich zeigt die glorreiche Eroberung Britanniens durch die Normannen im Jahre 1066) stellt die militärische Bedeutung des Holzes dar: die Aufrüstung der Flotte hat seit den frühen Hochkulturen immer wieder zu massiver Abholzung von Wäldern geführt. (Quelle: Wolfgang Grape: La tapisserie de Bayeux. Monument à la gloire des Normands, Pestel-Verlag, München 1994, S. 127.)


Da zusätzlich der Brennwert des in der Nähe der Eisenverarbeitungsbetriebe wachsenden Nadelholzes wesentlich geringer war als der von Buchen- oder Eichenholz, beschleunigte dies den Kohlholzbedarf weiter. In diese Zeit des wachsenden Energiebedarfs fallen auch die ersten Forstordnungen und Aufforstungsbewegungen, die dem drohenden Niedergang des Waldbestandes gesetzmäßigen Widerstand entgegenzusetzen versuchten. 11 Hierbei stand jedoch keinerlei naturschützerisches Denken Pate, sondern alleine wirtschaftliches Kalkül.

Mönche bei der Waldarbeit Diese toscanische Abbildung aus dem Jahre 1400 zeigt Mönche bei der Waldarbeit. Auch Korbflechten sowie Beeren- und Honigsammeln gehörten zur "Waldarbeit". (Quelle: Österr. Nationalbibliothek, Cod. 341, Bl. 32r.)

Bis zum Beginn der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts, deren Energiebedarf übrigens durch Holz alleine nie zu decken gewesen wäre (doch dazu später), waren es zusätzlich politische Entwicklungen, die dem Waldbestand zusetzten. Der Aufstieg Englands zur führenden Seemacht Europas wäre ohne eine schamlose Ausbeutung der kolonialen Waldbestände unmöglich gewesen.

Aus den tropischen Baumriesen baute man in England die größten hölzernen Schiffe aller Zeiten (über 80 Meter Länge). 12 Das rücksichtslose Abholzen der Tropenwälder zu Gunsten europäischer Machthaber - und damit einhergehend die zwangsmäßige Etablierung von monokultureller Plantagenwirtschaft - hat also längere Tradition, als man vermuten könnte. Mit dem Zeitalter des Absolutismus beginnt so auch die globale Gefährdung des Waldbestandes!

Rodung
Diese Abbildung (13. Jh.) aus dem byzantinischen Oktateuch ("Achtrollenbuch"; in der griech. Kirche übliche Bezeichnung für die alttestamentarischen Bücher) des Klosters Watopédi der Halbinsel Athos im Ägäischen Meer zeigt das Roden mit Hacke und Feuer. Die entsprechende Textstelle im Buch Josua lautet: "Da sprachen die Nachkommen Josephs zu Josua: Warum hast du uns als Erbbesitz nur ein Los und ein Teil gegeben, wo wir doch ein großes Volk sind, da uns der Herr bisher gesegnet hat? Da sprach Josua zu ihnen: Wenn ihr ein großes Volk seid, so zieht hinauf ins Waldland und rodet daselbst im Lande der Pheresiter und Rephaiter, weil euch das Gebirge Ephraim zu enge ist." (Quelle: Paul Hiber: Bild und Botschaft. Byzantinische Miniaturen zum Alten und Neuen Testament, Atlantis Verlag, Zürich und Freiburg 1973, Abb. 105.)



5. Westwald statt Westwall - die Turnväter kommen!


Schon seit dem 14. Jahrhundert hatte man vereinzelt versucht, dem Waldschwund durch systematische Aufforstung zu begegnen. Für die Eifel, die um 1800 so abgeholzt war, dass "fast keine Bohnenstange mehr anzutreffen war", stellten die Landräte des Regierungsbezirks Aachen nach einer Ortsbesichtigung 1816 fest, dass die größeren Holzungen der meisten Kreise abgetrieben sind und daher dringend aufgeforstet werden müssten. 13

Mit der durch den Wiener Kongress 1814/15 besiegelten Zugehörigkeit der Rheinprovinz zu Preußen sollte auch die Eifel in den Genuss preußischer Planungs- und Ordnungskompetenz kommen. Anno 1763 wurde im Harz die erste Forstakademie gegründet, nur drei Jahre später folgte Berlin. Für die pflichtbewussten preußischen Beamten, zu denen nun auch die Förster gehörten, wurde die Aufforstung zur nationalen Aufgabe.

Ein wunderbares - wenn auch sicher nicht zu verallgemeinerndes - Beispiel preußischer Waldideologie ist mit dem Namen Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) verbunden, besser bekannt als "Turnvater Jahn". Jahn wollte nicht nur die Turnbewegung als Mittel der Stärkung der physiologischen und moralischen Kraft des deutschen Volkes während der napoleonischen Herrschaft vorantreiben, sondern forderte zusätzlich, man solle an der Grenze zu Frankreich einen undurchdringlichen Wald pflanzen 14 - Westwald statt Westwall! Auch wenn die Aufforstung der Eifel nicht dem ideologischen Gedankengut Jahns zu verdanken ist, sondern dem wirtschaftlichen Kalkül preußischer Forstbeamter, geht diese dennoch mit dem Aufbau einer rigiden Forstverwaltung einher.

In Klassikern der frühen Forstwirtschaft wie Heinrich von Cottas "Anweisung zum Waldbau" (1816) wird jene rationalistische Forstwissenschaft begründet, die den ursprünglichen Wald zum leistungsfähigen Wirtschaftswald umfunktionierte. 15 Selbst dort, wo noch Reste ursprünglicher Waldvegetation vorhanden waren, wurden oftmals Kahlschläge veranlasst, um die Aufforstung nach strikt "wissenschaftlichen" Kriterien durchführen zu können. Dem tradierten Modell der "Naturverjüngung" wurde die künstliche Baumsaat entgegengesetzt, die noch heute das Erscheinungsbild der Fichtenwälder prägt. Die folgenden Kartenvergleiche zeigen, wie sehr die Aufforstung unter preußischer Aufsicht das Landschaftsbild in unserer Gegend veränderten, hier dargestellt am Beispiel des jetzigen Naturschutzgebietes "Hasselbach" zwischen Lommersweiler und Maspelt. 16

(v=Heide; o=Laubwald; ·=Nadelwald; gar nichts=Weideland)
Hasselbach 1850
1850

Hasselbach 1931
1931

Hasselbach 1964
1964

Die generalstabsmäßige Aufforstung war natürlich nur möglich, wenn der Wald bewacht und vor Eingriffen geschützt wurde. Die wichtigste Aufgabe der nun auftauchenden Förster, übrigens meist die ersten preußischen Beamten, die ein Eifler zu Gesicht bekam, war es, die zahlreichen Nebennutzungen des Waldes zu untersagen. Es ist daher leicht verständlich, dass die Forstbeamten, die zudem meist Fremde waren, nicht sonderlich beliebt waren. Die Überführung des jahrhundertealten Allemendecharakters des Waldes in staatliche Forste konnte nur mittels einer strengen Gesetzgebung und dem Aufbau einer "Waldpolizei" durchgesetzt werden. Dies erklärt auch den militärischen Charakter (Uniform und starke Hierarchie) des staatlichen Forstwesens.

Laubwald

Fichtenwald
Heidelandschaft

Vor der Aufforstung mit Fichten Mitte des 19. Jh. war unsere Gegend durch ausgedehnte Heidelandschaften geprägt. Erst die Aufforstung und die Erfindung des Stacheldrahtes durch Joseph Glidden (1874 in den USA patentiert) setzte diesem Landschaftsbild ein Ende. Fotos: F. Wagener / F. Vassen


Auch wenn aus heutiger Sicht die massive Aufforstung mit Fichten seit Mitte des 19. Jahrhunderts zumindest unter umweltschützerischer Perspektive äußerst fragwürdig erscheint (Anfälligkeit der Monokulturen für Schädlinge, Nadelstreu führt zu starker Versauerung der Waldböden, etc), hat dies dennoch dazu geführt, dass der Wald in Mitteleuropa überhaupt wieder Fuß gefasst hat. Das Bestandsklima wurde insgesamt positiv beeinflusst, die drohende Bodenerosion eingeschränkt und der Wald im Bewusstsein vieler Menschen wieder zu einer lebensnotwendigen Kategorie der Umwelt. Zwar stieg der Bedarf an Eisenbahnschwellen, Telegrafenmasten, Grubenholz und Papier im 19. Und 20. Jahrhundert weiter steil an, konnte aber u.a. durch die Aufforstungsbemühungen aufgefangen werden. Entscheidender für die Entwicklung des Holzbestandes war jedoch, dass Holz als der Hauptenergieträger durch Steinkohle und später Erdöl abgelöst wurde. Ohne diese neuen Energieträger wäre auch das, was man als "industrielle Revolution" bezeichnet, nicht möglich gewesen. 17



6. Naturgefühl in Waldplantagen?


Interessanterweise kommt es gerade zu dem Zeitpunkt, als es im Wald immer "ordentlicher" zuging, zu einer verklärenden Besinnung auf die "wilden Wälder" in der deutschen Litartur, wofür die Gebrüder Grimm beispielhaft angeführt werden können. Sie sammelten nicht nur Märchen und schufen "Märchenwälder" sondern gaben zudem eine Zeitschrift mit dem Titel "Altdeutsche Wälder" heraus. Umso eifriger die Forstbeamten Wälder zu Holzplantagen umwandelten, desto eigensinniger bestanden die Stadtbewohner auf ihrem Naturerlebnis. "Während die Gedichte über die Waldeinsamkeit immer schlechter wurden", so Enzensberger, "entwickelte sich der grüne Restbestand zum durchorganisierten Fluchttraum. Die Verschönerungsvereine stellten ihre Bänke auf und nummerierten die Wanderwege…" 18 Auch für die BNVS erschließt sich die Natur vielfach durch das Wandern - einer "Bewegung", die es erst seit knapp hundert Jahren in organisierter Form gibt. 19 Doch wandern auch die BNVS-ler selten durch "ursprüngliche" Landschaften.

Auwald Auwald

Naturnahe Auwälder. Fotos: F. Wagener


Nur 1% der europäischen Wälder kann noch als ursprünglich bezeichnet werden. Das "Naturverständnis" und die "Naturwahrnehmung" haben sich heute aber so gewandelt, dass den meisten Zeitgenossen beim Anblick ursprünglicher Wälder wahrscheinlich das Bild einer feindlichen "Wildnis" in den Kopf käme. Mit dem aufgeräumten, geradlinig bepflanzten und von gutbefestigten Wegen durchkreuzten Wald hat das nun gar nichts mehr gemein…Gerade diese unaufgeräumten Wälder zeugen jedoch von einer Artenvielfalt, die der von tropischen Wäldern kaum nachsteht. Und "dass das Schwein, während es nach Eicheln wühle, Eicheln pflanze", erkannte schon der große Naturforscher und Begründer der modernen biologischen Systematik, Carl von Linné (1707-1778). 20 Natürliche Eingriffe in das Ökosystem Wald wie Feuer, Überschwemmungen und Stürme steigern ohne Zweifel die Vielfalt der Vegetationsformen. Biodiversität dank Nichteingriff des Menschen - eindeutig. Zumindest in diesem Punkt - so gibt Emmanuel Sérusiaux kritisch zu bedenken 21 - kommen Naturschutz und moderne kapitalistische Ideologie auf einen Nenner: Neoliberale Wirtschaftspolitik und das Konzept des Ökosystems beruhen auf dem gleichen Prinzip: ordnungspolitische Eingriffe reduzieren die Artenvielfalt!

Ein Aktikel aus der NaturZeit Nr. 1/2000 von Andreas Fickers


1 Edgar Rüther: Weihnachtsbaumkulturen - Geschichte und wirtschaftliche Bedeutung im ländlichen Raum, in: LÖLF-Mitteilungen 4/1990, S. 11-12. Zur Geschichte des Weihnachtsbaumes siehe auch Schneider, Camille: Der Weihnachtsbaum und sein Heimat das Elsass, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornbach/Schweiz 1977 (sehr esoterisch angehaucht) sowie Kronfeld, E.M.: Der Weihnachtsbaum. Botanik und Geschichte des Weihnachtsgrüns. Seine Beziehungen zu Volksglauben, Mythos, Kulturgeschichte, Sage, Sitte, Dichtung, Oldenburg und Leipzig o.J.
2 Siehe Hansjörg Küster, Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, München 1998, S. 200.
3 Siehe Günther Bayerl: Das Umweltproblem und seine Wahrnehmung in der Geschichte, in: Mensch und Umwelt in der Geschichte, hrsg. Von Jörg Calließ, Jörn Rüsen und Meinfried Striegnitz, Pfaffenweiler 1989, S. 47-97, sowie Arne Andersen/Franz-Josef Brüggemeier: Gase, Rauch und Saurer Regen, in: Geschichte der Umwelt im 20. Jahrhundert, hrsg. von Franz-Josef Brüggemeier und Thomas Rommelspacher, München 1987, S. 64-86.
4 Siehe Rolf-Jürgen Gleitsmann: Und immer wieder starben die Wälder: Ökosystem Wald, Waldnutzung und Energiewirtschaft in der Geschichte, in: Calließ/Rüsen/Striegnitz, S. 175-205.
5 Ebenda, S. 176.
6 Siehe hierzu u.a. das Kapitel »Vom mittelalterlichen zum frühneuzeitlichen Wald« in der »Einführung in die Umweltgeschichte« von Helmut Jäger, Darmstadt 1994, S. 78-111.
7 Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857). Seine Gedichte stellen den Höhepunkt spätromatischer Lyrik in Deutschland dar. Seine oft wehmütigen Gedichte haben häufig landschaftliche Motive (Wald, Fluß, Tal) zum Objekt. Hier zitiert aus Hans Magnus Enzensberger: Der Wald im Kopf, in: Das Waldsterben. Ursachen, Folgen, Gegenmaßnahmen, hrsg. vom Arbeitskreis Chemische Industrie, Köln/Katalyse-Umweltgruppe Köln e.V., Köln 1984, S. 25.
8 Ebenda, S. 22.
9 Siehe Alfred Barthelmeß: Wald. Umwelt des Menschen. Dokumente zu einer Problemgeschichte von Naturschutz, Landschaftspflege und Humanökologie, München 1972, S. 29.
10 Siehe Gleitsmann, 1989, S. 187.
11 Siehe Joachim Radkau / Ingrid Schäfer: Holz. Ein Naturstoff in der Technikgeschichte, Hamburg 1987, S. 37-52.
12 Siehe Küster, 1998, S. 198.
13 Zitat aus Sabine Doering-Manteuffel: Die Eifel. Geschichte einer Landschaft, Frankfurt/New York 1995, S. 67. Siehe auch I. Wenzel: Ödlandentstehung und Wiederaufforstung in der Zentraleifel, Bonn 1962.
14 Siehe Küster, 1998, S. 183.
15 Siehe Joachim Radkau: Warum wurde die Gefährdung der Natur durch den Menschen nicht rechtzeitig erkannt? Naturkult und Angst vor Holznot um 1800, in: Hermann Lübbe/Elisabeth Ströker: Ökologische Probleme im kulturellen Wandel, Wilhelm Fink / Ferdinand Schöningh 1986, S. 60.
16 Siehe Stephan Benker: Étude des formations végétales et de la biodiversité dans la Réserve Naturelle Domaniale du Hasselbach, Mémoire à l'université catholique de Louvain, Faculté des sciences agronomiques, Louvain-La-Neuve 1995, S. 10f.
17 Siehe Roy Porter / Mikulás Teich: Die industrielle Revolution in England, Deutschland, Italien, Berlin 1998.
18 Hans Magnus Enzensberger, Der Wald im Kopf, S. 25.
19 Siehe Jochen Zimmer: Soziales Wandern. Zur proletarischen Naturaneignung, in: Brüggemeier / Rommelspacher, 1987, S. 158-168.
20 Siehe Radkau, Die Gefährdung der Natur durch den Menschen, 1986, S. 59.
21 Emmanuel Sérusiaux: Le paradigme de la fôret, Communication faite à l'université d'été de la nature, Réserves Naturelles-RNOB 1991, S. 130.

   Letzte Änderung am 14.01.2003 
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