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naturZEIT-Dossier


Der naturnahe Garten

Gärten für die ganze Familie
  Eichhörnchen

Naturnah = Wildwuchs?

Ist die Rede von naturnah gestalteten Gärten, so erwecken sie häufig den Eindruck einer gewissen Verwilderung und die Ansprüche eines Nutzgartens, gepaart mit Naturschutz, scheint vielen als etwas Unmögliches.
Duftend, farbig, romantisch, etwas verwunschen, ...zum Wohlfühlen, ein Paradies für Kinder, Erwachsene, Vögel, Schmetterlinge, Igel, ... , so sollen diese Gärten daherkommen; aber können sie all' diese Ansprüche erfüllen?
Die Experten sagen: Kein Problem! Vorausgesetzt wir öffnen uns, um neue Wege einzuschlagen und oft tief verwurzelte Gewohnheiten und Ängste aufzugeben; einfach an einer Ecke zu beginnen und schrittweise etwas zu verändern.
Dabei ist die Größe des Gartens gar nicht mal ausschlaggebend, denn auch auf eher kleinen Flächen lässt sich Vieles bewegen.
Fakten belegen, dass sich in Naturgärten eine erstaunlich hohe Artenvielfalt entwickeln kann. So wurden bei Untersuchungen in einem 1000 m2 großen, reich strukturierten Hausgarten mit Obstbäumen, frei wachsenden Hecken, Trockenmauer, Teich, Nutzgarten, ... mehr als 500 Pflanzenarten und mindestens 700 Tierarten nachgewiesen. Nun werden die wenigsten Familien eine Fläche diesen Ausmaßes zur Verfügung haben, aber wenn sich mehrere Nachbarn zu diesem Gartenmodell verleiten lassen, können viele aneinander gereihte Gärten ineinander greifende Biotope bilden.



Natürliche Materialien wie Stein, Holz, usw. steigern das Wohlbefinden von Mensch und Tier
Im naturnahen Garten sollte der Phantasie freier Lauf gelassen werden


Schreiten wir zur Planung

Bevor wir nun einen neuen Garten anlegen oder einen bestehenden umgestalten möchten, müssen wir uns klar machen, die Bedürfnisse der Benützer unter Beachtung von Naturgesetzen unter einen Hut bekommen. Deshalb sollten wir uns mit den folgenden vier Fragen auseinander setzen :
  1. Wer benützt den Garten?
  2. Was wünschen sich die einzelnen Familienmitglieder:
  • Bereiche zum Sitzen, Grillen, Essen, Ruhen, Lesen, Spazieren,...,
  • Nutzgarten (Hochbeete, Kräuterspirale, Duftgarten, Heilpflanzen, Streuobstwiese, Kinderbeet, Kompostecke, ...)
  • Geborgenheit (Sitznischen, Sicht- und Lärmschutz, ...)
  • Spielecken für Kinder (Baumhaus, Sandanlage, Wasser, Liegewiese, Ballspielfläche, Hügel, Weidendorf ...)
  • Biotope als Naturbeobachtungsbereiche, die sich hauptsächlich in den ruhigeren Randbereichen befinden sollen (Teich, Schmetterlingsecke, Futterhaus, Nistgelegenheiten, Insektenhaus, Todholzhaufen, Trockenmauer,...)
  • Sonstiges : Welche praktischen Dinge sind erforderlich (Holzlager, Hundehütte, Hühnerhaus mit Gehege, Wäschetrockenplatz, Gerätelager, ...)
  1. Mit welchen naturnahen Elementen können die Wünsche erfüllt werden?
  2. Wo im Garten soll welches Element angelegt werden?

Dabei zu berücksichtigen ist auch eine eventuelle spätere Nutzung ohne allzu große Eingriffe. So sollte die Frage jetzt schon gestellt werden, wenn die Kinder dem Spielalter entwachsen sind, wie dann -mit geringem Aufwand- verschiedene Abänderungen vorgenommen werden können (z.B. Kann das Spielhaus zum Holzlager werden?; Wird aus dem Sandbereich eine Sitzecke mit Pergola, eine Feuerstelle oder vielleicht ein Teich? ...).

Auch spielt die Himmelsrichtung eine wesentliche Rolle: beim Anlegen eines Nutzgartens oder einer Streuobstwiese, eines Gartenteichs, einer Fassadenbegrünung, ... .

Ein Gestaltungselement möchten wir Ihnen ganz besonders ans Herz legen: versuchen Sie in Naturformen zu denken ! Denn die Natur sollte unser Lehrmeister sein : Bäume wachsen den besten Lichtverhältnissen entgegen, Bachläufe mäandern durch das Tal, Wildwechselpfade schlängeln sich zwischen Bäumen,....
Zwar hat die geometrische Form den Vorteil besser kalkulierbar zu sein, doch kommt sie in der Natur so gut wie gar nicht vor. Harmonisch eingebunden ist die lebendige Linie viel gefälliger und bietet sich deshalb geradezu bei einer naturnahen Gartengestaltung an.
Von dieser Formgebung sollte man nicht mal beim Bau von Pergolen, Unterständen, Spielhäusern, usw. zurückschrecken. Dabei muss zwar sehr viel Kreativität und Improvisation an den Tag gelegt werden, aber das Resultat kann sich sehen lassen.

Trockenmauer Trockenmauer mit Bewuchs, nicht nur ein schöner Blickfang, sondern eventuell auch Wohnraum für Eidechsen

Einige Vorschläge zur Naturgartengestaltung

Selbstverständlich können wir hier nicht auf alle Möglichkeiten eingehen, weil der Platzbedarf den Rahmen dieses Heftes bei Weitem überschreiten würde.

  • Totholz: dass Totholz gar nicht so tot ist, beweisen sehr viele Tierarten und auch einige Pflanzenarten, die auf dieses Holz angewiesen sind und es somit "beleben". Einige heimische Spechtarten ernähren sich von Insekten und deren Larven, die sich unter der Rinde befinden. Die Erhaltung von altem stehendem Holz bewirkt also die Förderung der Spechte und schafft somit gute Bedingungen für andere Arten dieses Habitats.
    Junge Gärten können zwar nicht mit solchen Refugien auftrumpfen, doch trotzdem gibt es verschiedene Möglichkeiten, um für Tiere und Pflanzen neue Lebensräume zu schaffen.
    Nistkästen für Vögel und Fledermäuse sind dankbare Maßnahmen, die in kürzester Zeit angenommen werden.
    Hecken- und Baumschnitt, Äste, Laub u.a. ergeben einen vorzüglichen Reisighaufen, der Igel, Zaunkönig, Erdkröten, Blindschleichen, ... Unterschlupf gewähren kann. Ist so ein Haufen mal angelegt, dann setzt sich eine Art Naturhäcksler in Gang. Ganz ohne Strom und Benzin verwandeln Pilze und Käfer, Regenwürmer und Asseln den Reisighaufen in fruchtbaren Waldhumus. Holzstapel in sonniger Lage mit möglichst vielen unregelmäßigen Hohlräumen bieten, ähnlich wie Trockenmauern oder Steinhaufen, den selten gewordenen Eidechsen Wohnraum.
    Holzzäune werden nicht nur von den Vögeln als Singwarte genutzt, sondern können in ihren Ritzen und Spalten unzähligen Insekten und Spinnen Schutz geben.
    Sogenannte Insektenhäuser mit künstlichen Nisthilfen für oft seltene Hautflügler sind mit wenig Material- und Arbeitsaufwand herzustellen.
  • Rasenfläche: im herkömmlichen Gartenbau gilt jener Rasen schön, worin bestenfalls nur eine Grasart sprießt. Rechnet man aber mal den Mineraldüngemittel- und Herbizideinsatz mit der einhergehenden Grundwasserverschmutzung sowie den Energieverbrauch und den Abgasausstoß von Rasenmähern aus, dann schneidet ein solcher Zierrasen in der Ökobilanz noch schlechter als eine asphaltierte Fläche ab. Verzichten wir also auf die chemischen Einträge und mähen weniger häufig, dann wird das Einheitsgrün schon bald durch einen bunten Blütenteppich ersetzt.
    Bei den Randbereichen kann es eh etwas höher wachsen, damit Heuschrecken und andere Tiere hier einen neuen Lebensraum finden können. Hier reicht eine späte Sensenmahd im Herbst völlig aus.
  • Teich: als ein Biotop erster Güte ist wahrscheinlich der Teich im Garten zu bezeichnen und zieht gleichermaßen Kinder, Erwachsene und Tiere in seinen Bann. Ist er erst mal angelegt, dann ziehen bereits nach einigen Tagen die ersten "Untermieter" ein. Wie groß der Teich sein soll, dafür gibt es allerdings keine Regel, weil wir in der Natur alle Größen vorfinden: von Kleinsttümpel, die im Sommer regelmäßig austrocknen bis zu großen Weihern und kleinen Seen.
    Ein kleiner Teich mit einer Wasserfläche von 3 m2 und einer Tiefe von 20 cm beherbergt wirbellose Tiere und sogar Amphibien wie Berg- und Teichmolch. Auch Libellen schwirren bald herum und legen ihre Eier ab.
    Das wäre dann auch die anzustrebende Idealgröße für Familien mit Kleinkindern, wobei dann noch zusätzlich sanft auslaufende Uferzonen und ein lebendiger Zaun aus Weidengeflecht alle Sicherheitsbedenken aus der Welt schafft.
  • Fassadenbegrünung: Kletterpflanzen haben nicht nur die Eigenschaft, unansehnliche Wände freundlicher zu gestalten, sie schaffen auch neue Wohnräume für verschiedene Tierarten und wirken nebenbei noch als Feuchtigkeitsschutz und als Staubfilter. Ohne Kletterhilfe eignen sich Efeu und Kletterhortensie für halbschattige Bereiche; der sonnenverwöhnte Wilde Wein bevorzugt eher nach Süden ausgerichtete Wände.
    Ganz besonders dekorativ, aber etwas arbeitsintensiver sind Spalierbäume, die auf kleinstem Raum hervorragende Obsternten ermöglichen können.
  • Gehölze (Bäume, Hecken, Sträucher): Gehölze sind nicht nur ökologisch wertvoll, sondern gehören auch zu den vielseitigen Gestaltungselementen im Gartenbereich. So grenzen sie uns gegen Straßen und Nachbargärten ab und schützen uns vor Wind, Staub und neugierigen Blicken. Sie spenden Schatten, gliedern den Garten und unterteilen ihn in verschiedene Räume. Zur Verwendung kommen sollten unsere heimischen Gehölze, die robust und klimaverträglich sind, ihre Schädlinge und Nützlinge haben, die sich gegenseitig in Schach halten und obendrein noch recht preiswert sind; wobei aber auf die Artenvielfalt zu achten ist. Auf Exoten sollte verzichtet werden, obschon auch gegen ein früh blühendes Goldglöckchen, eine Zaubernuss oder einen dekorativen Schmetterlingsstrauch nichts einzuwenden ist.
    Aus Sicherheitsgründen sollte wegen Vergiftungsgefahr bei Kleinkindern auf Seidelbast, Pfaffenhütchen, Stechpalme und Goldregen verzichtet werden.
Hühner
In Naturgarten gibt es nur glückliche Hühner, und etwas zum Scharren findet sich hier immer
Im naturnahen Garten kann es passieren, dass der Bock zum Gärtner wird
Ziegenbock

Zum Geleit

Der Naturgarten will anders gepflegt werden als ein konventioneller Gemüsegarten. Wir müssen überlegter und schonender eingreifen.
Ein Naturgarten überrascht immer wieder; im Wandel der Jahreszeiten entdecken wir viel Neues. Einige Pflanzen sehen wir das erste mal, andere verschwinden; seltene Schmetterlinge flattern vorbei, Erdkröten hüpfen nachts durch das Laub, ... und im Teich konnten Libellen bei der Eiablage beobachtet werden.
Der Naturgarten ist ein Abenteuer ohne Ende: umso mehr wir uns mit ihm auseinander setzen, desto mehr Kostbarkeiten werden wir in ihm entdecken; eine Bereicherung, aus der wir auch psychische Kraft für den Alltag schöpfen können.



Ein Stück Wildnis lockt bspw. Schmetterlinge und bitet dem Betrachter so manch' schönen Anblick
Krokus

Noch eine kleine aber wichtige Bemerkung in eigenem Interesse

Zwar wollten wir jetzt nicht wieder den "bösen Finger" erheben, aber trotzdem wollten wir noch einmal darauf hinweisen: Beim Sanieren von Ihrem Garten, sollten Sie darauf achten, dass entfernte Pflanzen nebst Wurzelwerk von japanischem Staudenknöterich und Sachalinknöterich, Riesen-Bärenklau und Indischem Springkraut durch thermische Behandlung unschädlich gemacht werden. Allzu oft geschieht es, dass diese Pflanzen irgendwo auf wilden Deponien landen, wo sie sich dann in nicht mehr kontrollierbarem Maße ausbreiten können. Gelangen sie einmal in die Nähe von Wasserläufen, werden ihre Samen kilometerweit davon getragen und ihre Ausbreitung ist kaum noch aufzuhalten. Weil sie dann, einmal Fuß gefasst, sich explosionsartig vermehren und heimische Pflanzen regelrecht ersticken. Wie es bereits in einigen Naturschutzgebieten der Fall ist, stellen sie besonders uns Naturschützer bei der Pflege von Feuchtgebieten vor große Probleme.


Ein kleiner Steg im eigenen Garten...
warum nicht

Text: Helmut Hahn

Fotos: Helmut Hahn & Biologische Station Nettersheim

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   Letzte Änderung am 13.12.2007 
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