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Die Oldies aus der Our

Flussperlmuschel


Die Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) gehört zu den in Mitteleuropa vom Aussterben bedrohten Tierarten. Sie wird in der internationalen Roten Liste des IUNC (World Conservation Union) weltweit unter der zweithöchsten Gefährdungskategorie "endangered" (=bedroht) aufgeführt. Ein Vergleich bringt die Sache vielleicht eher auf den Punkt, denn in der gleichen Kategorie befinden sich der Riesenpanda (Ailuropoda melanoleuca), der Berggorilla (Gorilla beringei) und der Bengaltiger (Panthera tigris tigris). In Europa sind die Bestände der Flussperlmuschel in den letzten 50 Jahren um mehr als 90% zurückgegangen. In Belgien ist der Bestandsrückgang ebenfalls dramatisch, Mitte der Achtziger Jahre galt die Flussperlmuschel sogar hierzulande als ausgestorben.

Langlebige Wirbellose

Flussperlmuschel

  

Wenn man sich mit der Lebensgeschichte der Flussperlmuschel beschäftigt, stößt man schnell auf beträchtliche ökologische und evolutionsbiologischen Erklärungsbedarf. Diese Tierart zeigt nämlich eine ganze Reihe höchst ungewöhnlicher Merkmale. Mit einer Lebensdauer von über 200 Jahren in kalten Regionen (z.B. Finnland) und bis zu 120 Jahren in unseren Breiten gehören sie zu den langlebigsten Wirbellosen der Erde.

Verbreitung 1960Verbreitung heute
Verbreitung der Flussperlmuschel in Belgien 1960 und heute

Lebenszyklus

Nun aber zuerst einmal etwas zu der Lebensweise der Flussperlmuschel, denn ihre Strategie ist ebenso ungewöhnlich wie interessant. Der Lebenszyklus der Flussperlmuschel ist komplex und beinhaltet vier Entwicklungsstadien: Glochidie, parasitäres Stadium, Jungtier und adulte Muschel. Die erwachsenen Tiere leben von Zersetzungsprodukten, die sie aus dem Wasser filtern. Sie können gewisse Algen aufnehmen, aber der Großteil der Nahrung besteht aus organischen Überresten, vor allem pflanzlicher Art. Hruska (1995 u. 1998) hat herausgefunden, dass organische Überreste der Rhizosphere1 gewisser Gräser, die auf zeitweilig überschwemmten Wiesen wachsen, eine besonders wertvolle Nahrungsquelle für die Jungmuscheln sind. Zu diesen Gräsern gehören beispielsweise Wiesenfuchsschwanz (Alopecurus pratensis) und Gemeine Rispe (Poa trivialis), weil sie besonders reich an Kalzium sind, welches für den Aufbau der Schalen benötigt wird. Die Gemeine Rispe kommt in Belgien häufig vor; besonders auf Wiesen, die einen Bach säumen. Die Verbreitung des Wiesenfuchsschwanzes ist in den Ardennen hingegen eher begrenzt. Eine Muschel filtert pro Stunde bis zu 40 Liter Wasser.

Fortpflanzung

Erst im Alter von 15 bis 20 Jahren sind die Muscheln geschlechtsreif und können sich fortpflanzen. Im Juni oder Juli geben die Männchen ihren Samen einfach ins Wasser ab und er wird von den Weibchen mit dem Wasser aufgenommen. Die Spermien werden mit dem Atmungswasser vom Weibchen aufgenommen, gelangen so zu den Kiemen und befruchten die Eier, die sich dort befinden. In normal großen Populationen gibt es männliche und weibliche Tiere, wird die Dichte aber zu gering, können die weiblichen Tiere zu Hermaphroditen2 werden, denn so vergrößern sie die Chancen für eine erfolgreiche Fortpflanzung. Nach vier Wochen werden die befruchteten Eier zu Larven, die Glochidien genannt werden. Glochidien haben zwei dreieckige Schalenhälften und sind 0,04 bis 0,07 mm groß. Ende September entlassen die Weibchen ihre Glochidien ins Wasser (im Durchschnitt 3.106 Glochidien pro Weibchen und pro Jahr).

Wirtsfisch Bachforelle

Die meisten dieser Larven sterben: nur wenigen unter ihnen gelingt es, sich an den Kiemen einer Bachforelle (Salmo trutta fario) festzuhalten. Dies erfolgt durch Einatmen vom Bachgrund zufällig aufgewirbelter Glochidien durch den Fisch. Larven die mit einem Fisch in Berührung kommen, klappen ihre Schalen sofort zu und halten sich an dem eingeklemmten Gewebsstück fest. Nach wenigen Stunden schon wird die Larve durch die Wundreaktion des Fisches von neuem Gewebe umschlossen und verbringt nun eine gewisse Zeit als Parasit des Fisches. Die Körperstellen, an denen sich die Larven festhalten, sind unterschiedlich je nach Muschelart. Es gibt Flossen- und Kiemenparasiten, sowie Übergangsformen. Die Flussperlmuschel ist ein reiner Kiemenparasit.

Auch mit Hinsicht auf den Wirtsfisch hat sich die Flussperlmuschel spezialisiert. Es kommen nur die Bachforelle (Salmo trutta fario) und der Lachs (Salmo salar) als Wirtsfische in Frage. Bei anderen Fischarten lösen die Larven eine Immunreaktion aus, die zu ihrem Absterben führt.

Flussperlmuschellarve Mikroskopaufnahme eines Glochidium (Flussperlmuschellarve)
© R. Altmüller

Fast ausgereifte Glochidien, an den Kiemen einer Bachforelle © R. Altmüller

 

Glochidien

Leben im Bachbett

Nach 9 Monaten sind die Larven ausgereift, der Zyste entfällt eine Jungmuschel, die nun aussieht wie eine Miniaturausgabe der ausgewachsenen Tiere (juveniles Stadium). Am Bachgrund graben sich die kleinen Muscheln nun 5 bis 50 cm tief ins Substrat ein. Dort leben sie die nächsten 5 Jahre, indem sie sich mit Hilfe ihres Fußes von Zersetzungs-material ernähren. Die Muscheln erreichen ihre Geschlechtsreife mit 12-20 Jahren, wachsen aber immer noch weiter und vermehren sich bis zu einem Alter von über 100 Jahren.

Somit ist klar, dass für das Überleben der Jungmuscheln nicht nur sauberes Wasser, sondern auch ein schlammfreies Bachbett von Nöten ist, denn ansonsten ist die Nahrungs- und Sauerstoffzufuhr für die Tiere nicht gewährleistet. Erst nach ungefähr fünf Jahren, wenn dieses Stadium abgeschlossen ist, kommen die Muscheln an die Oberfläche des Substrats, um dort ihre Rolle als Filtertiere aufzunehmen. Erst nach 12 bis 15 Jahren können sich die Muscheln dann wieder fortpflanzen.

Trifft das Glochidium auf einen anderen Fisch, so wird die Larve abgestoßen
© M.C. Barnhart
 Glochidium

Jungmuscheln

Frisch ausgereifte Jungmuscheln (einige Tage alt) © S. Bocca

So kompliziert dieser Zyklus auch scheint, sind alle Etappen wohldurchdacht und an den Lebensraum angepasst. Die Flussperlmuschel ist im Laufe der Evolution zu einem extremen Spezialisten hinsichtlich ihrer Wirtsfische und ihres Habitats geworden. Sie lebt nur in klaren, kalk- und nährstoffarmen Fließgewässern, und obwohl es in solchen Wasserläufen kaum etwas zum Filtern gibt, können die Flussperlmuscheln gerade unter diesen Bedingungen außergewöhnliche Bestandsdichten erreichen. Da diese Bedingungen meist in den Oberläufen der Einzugsgebiete gegeben sind, ist die Muschel meist in der Forellenregion (oberster Bachregion) zu finden. Dort sind auch die Forellenpopulationen am größten, was wiederum die Chancen für die Entwicklung des parasitären Stadiums steigert.

Da das Leben einer Muschel spätestens endet, wenn die maximale Körpergröße erreicht ist, ist es für Flussperlmuscheln von Vorteil, möglichst langsam zu wachsen. Wegen des knappen Nahrungsangebotes in Perlbächen musste die Flussperlmuschel im Laufe der Evolution ihren Stoffwechsel verlangsamen, um mit den geringeren Nahrungsmengen auszukommen. Die Muscheln leben sozusagen auf Sparflamme, die geringe Wassertemperatur in den Perlbächen trägt noch ein Weiteres zur Verlangsamung des Stoffwechsels bei. Somit eröffnet sich für die Flussperlmuschel die Möglichkeit für ein langes Leben.

Diese Strategie ist nun nach hunderttausend Jahren durch die vom Menschen verursachte Veränderung der Umweltbedingungen ins Wanken geraten.

Lebensraumveränderung

Mit dem Aus- bzw. Umbau der Fließgewässer hat die Einschränkung der Lebensräume begonnen. Erosion und Wasserverschmutzung gehören zu den limitierenden Faktoren. Vor allem die Erosion scheint der Flussperlmuschel zuzusetzen. Die Erklärung dafür ist eigentlich ganz einfach: Durch den Feinschlamm wird das Lückensystem im Bachgrund verstopft. Die Jungmuscheln, die in diesem Substrat mehrere Jahre verbringen, werden nicht mehr mit Sauerstoff und Nahrung versorgt, da kein Austausch mehr stattfinden kann. Diese Verschlammung der Bäche kann man auch in unserer Gegend leicht feststellen. Mit zwei einfachen Methoden lässt sich der Zustand der Bäche überprüfen: wenn beim Auftreten im Bachbett eine "Feinschlammwolke" aufwirbelt, ist das schon ein Zeichen für eine Verschlammung. Genauer kann man den Zustand des Substrats mit Hilfe eines langen unverzinkten Nagels ermitteln.

Jungmuschel Eine 15 Monate alte Jungmuschel
© R. Altmüller

Nagelprobe

In einem durchlässigen Bachbett rostet der Nagel auch noch in einer Tiefe von 10 cm, da der Sauerstoff auch bis in die Tiefe reicht. Ist das Bachbett jedoch verstopft, rostet der Nagel nur im oberen Bereich. Bei diesem Versuch bekommt man die Probleme der Jungmuscheln deutlich vor Augen geführt. Ohne Sauerstoff und Nährstoffzufuhr ist ihre Lebenserwartung gleich null. Das Feinsediment in den Bachläufen kommt aus verschiedenen Quellen, wie z.B. Ackerflächen im Uferbereich, abgetretene Uferböschungen oder Drainagen. Wenn es zu allem Überfluss auch noch zu einer Verschlechterung der Wasserqualität z.B. durch Einleitung von Abwässern kommt, bilden Feinschlamm und die durch die Anreicherung des Wassers üppig wachsenden Algen einen Film über das Bachsubstrat. Diese Schicht kann man mit einer Versiegelung vergleichen, und auch ein kräftiges Hochwasser schafft es nicht, das Bachsubstrat ganz zu säubern.

Nageltest Der Nageltest ist hier positiv ausgefallen, das Substrat ist gut durchspült © G. Motte

Handeln tut Not

Diese Verschlammung bereitet auch der Bachforelle Probleme. Wie viele andere Arten ist sie ein Kieslaicher, d.h. sie benötigt ebenfalls ein sauberes Substrat. Der zusätzliche Besatz mit nicht heimischen Fischen, z.B. Regenbogenforelle, Bachsaibling,... können eine weitere Konkurrenz für die Forellenpopulationen darstellen. Das langsame Absterben der alten Populationen und der fehlende Nachwuchs führen auf Dauer zu einer Ausdünnung der Muschelbestände und die Chancen für eine erfolgreiche Vermehrung werden immer geringer. In ganz Europa sind sich die Wissenschaftler einig: Es ist noch nicht zu spät diese Art zu retten, aber es wird höchste Zeit.

Text: S. Terren

Die Bachmuschel
In Bezug auf ihren Lebensraum weniger anspruchsvoll, und früher weiter verbreitet als die Flussperlmuschel ist auch die Bachmuschel vom Aussterben bedroht.
Lebenserwartung: 10-60 Jahre
Größe: ca. 4-11 cm
Fortpflanzungszeit: überwiegend im April und Mai
Parasitäres Stadium: 4 bis 5 Wochen
Wirtsfische: Döbel, Elritze, Flussbarsch, Rotfeder, Groppe
Lebensraum: saubere Fließgewässer, selbst kleine bis kleinste Gewässer
Verbreitung: Europa (ohne Britische Inseln, Iberische Halbinsel und Italien), gesamtes Schwarzmeergebiet und Mesopotamien

Bachmuschel
Bachmuschel (Unio Crassus) © S. Frank

Junge Flussperlmuscheln

 

Junge Flussperlmuscheln
© A. Langer

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   Letzte Änderung am 20.11.2005 
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